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Zürcher Wirtschaft bleibt robust – doch der Aufschwung ist fragil

Marc Bochsler
19. Aug.
4 Min. Lesezeit
Konjunkturboard Zürich
Konjunkturboard Zürich

Die Zürcher Wirtschaft behauptet sich in einem schwierigen internationalen Umfeld erstaunlich gut. Das zeigt die aktuelle Einschätzung des Konjunkturboards Zürich für das dritte Quartal 2026. Trotz geopolitischer Konflikte, handelspolitischer Unsicherheiten und steigender Risiken beurteilen die Zürcher Unternehmen ihre Geschäftslage so positiv wie seit Mitte 2023 nicht mehr.

Das ist erfreulich. Es ist aber kein Grund, sich zurückzulehnen. Denn weitere Prognosen zeigen: Zürich ist robust – von einem kräftigen Wirtschaftsaufschwung kann jedoch keine Rede sein.

Was ist das Konjunkturboard Zürich?

Das Konjunkturboard beurteilt halbjährlich die wirtschaftliche Entwicklung im Kanton Zürich. Grundlage bilden regelmässige Unternehmensumfragen in Zusammenarbeit mit der Konjunkturforschungsstelle KOF der ETH Zürich.

Getragen wird das Konjunkturboard vom Amt für Wirtschaft des Kantons Zürich, der Zürcher Kantonalbank und der Zürcher Handelskammer. Damit werden Erkenntnisse aus Verwaltung, Wissenschaft, Finanzwirtschaft und Unternehmen zusammengeführt.

Die Plattform liefert einen wertvollen Überblick über die wirtschaftliche Lage sowie die Entwicklung einzelner Branchen. Weitere Informationen finden sich auf der Website des Konjunkturboards Zürich.

Zürich profitiert von seiner vielfältigen Wirtschaft

Nach einer vorübergehenden Abschwächung im Frühjahr hat sich die Geschäftslage zu Beginn des dritten Quartals wieder deutlich aufgehellt. Besonders die Industrie zeigt mehr Zuversicht. Auch bei den Finanzdienstleistungen, im Grosshandel und bei den übrigen Dienstleistungen sind positive Tendenzen erkennbar.

Das Baugewerbe und die Projektierungsbranche bleiben auf einem hohen Niveau stabil. Diese breite wirtschaftliche Aufstellung ist eine der grossen Stärken unseres Kantons. Zürich ist weniger stark von Warenexporten und von der Industrie abhängig als andere Regionen und verfügt über einen bedeutenden Dienstleistungssektor.

Diese Wirtschaftsstruktur hilft, internationale Belastungen besser abzufedern. Gleichzeitig würde Zürich von einem kräftigen Aufschwung der Exportindustrie weniger stark profitieren als ausgeprägt industriell geprägte Kantone.

Prognosen bestätigen das Bild

Auch weitere Konjunkturprognosen bestätigen das Bild einer widerstandsfähigen, aber keineswegs boomenden Zürcher Wirtschaft.

Das Konjunkturboard erwartet für 2026 ein reales, um Sportereignisse bereinigtes Wirtschaftswachstum von rund einem Prozent. Einschliesslich der Wertschöpfung im Zusammenhang mit der FIFA-Fussballweltmeisterschaft dürfte das Wachstum näher bei zwei Prozent liegen.

Die Zürcher Kantonalbank prognostiziert für 2026:

  • ein reales BIP-Wachstum von 1,7 Prozent,

  • ein Beschäftigungswachstum von 1,0 Prozent,

  • eine durchschnittliche Arbeitslosenquote von 2,8 Prozent,

  • ein nominales Lohnwachstum von 1,1 Prozent,

  • eine Inflation von 0,7 Prozent.

Die vergleichsweise hohe BIP-Prognose der ZKB dürfte den FIFA-Effekt enthalten. Dieser statistische Sondereffekt ist für Zürich besonders bedeutend, weil die FIFA ihren Sitz im Kanton hat und die Einnahmen aus Übertragungs- und Markenrechten dem Zürcher Bruttoinlandprodukt zugerechnet werden.

Für die Beurteilung der tatsächlichen wirtschaftlichen Dynamik ist deshalb vor allem die sporteventbereinigte Wachstumsrate von rund einem Prozent entscheidend. Sie zeigt: Zürich entwickelt sich stabil, das fundamentale Wachstum bleibt aber bescheiden.

Auch die Schweizer Wirtschaft wächst nur verhalten

Die KOF der ETH Zürich rechnet für die gesamte Schweiz 2026 mit einem sporteventbereinigten realen BIP-Wachstum von lediglich 0,8 Prozent. Für 2027 werden 1,5 Prozent erwartet.

Belastend wirken insbesondere die geopolitischen Konflikte, höhere Energiepreise sowie die unsichere internationale Handelsentwicklung. Das KOF-Konjunkturbarometer hat sich zuletzt zwar wieder verbessert. Die Unsicherheiten bleiben jedoch erheblich.

Im Vergleich zur Gesamtschweiz steht Zürich etwas besser da. Dafür verantwortlich sind insbesondere der breite Branchenmix und der hohe Anteil an Dienstleistungen. Die Zürcher Wirtschaft ist dadurch weniger unmittelbar von Einbrüchen im internationalen Warenhandel betroffen.

Tourismus und Detailhandel unter Druck

Nicht alle Branchen profitieren gleichermassen. Im ersten Halbjahr 2026 verzeichnete die Tourismusregion Zürich 1,4 Prozent weniger Logiernächte als in der Vorjahresperiode. Besonders deutlich war der Rückgang bei Gästen aus wichtigen Fernmärkten:

  • Indien: minus 28 Prozent,

  • Südostasien: minus 26 Prozent,

  • Golfstaaten: minus 14 Prozent,

  • China: minus 2 Prozent.

Das trifft nicht nur Hotels und Restaurants. Internationale Gäste aus den Fernmärkten geben während ihres Aufenthalts häufig überdurchschnittlich viel aus. Ihr Ausbleiben ist deshalb auch für den Detailhandel spürbar.

Diese Entwicklung zeigt, wie rasch internationale Konflikte, eingeschränkte Flugverbindungen, der starke Franken und das hohe Schweizer Preisniveau direkte Auswirkungen auf Zürcher Unternehmen und Arbeitsplätze haben können.

Der Arbeitsmarkt bleibt verhalten

Auch auf dem Arbeitsmarkt ist Zurückhaltung angebracht. Die Unternehmen beurteilen ihre Geschäftslage zwar wieder positiver, bleiben bei Neueinstellungen jedoch vorsichtig. Eine deutliche Belebung des Arbeitsmarktes zeichnet sich momentan nicht ab.

Gemäss der ZKB dürfte die Arbeitslosenquote im Kanton Zürich im Jahresdurchschnitt 2026 bei 2,8 Prozent liegen – nach 2,6 Prozent im Vorjahr.

Eine Ausnahme bildet insbesondere das Bau- und Projektierungsgewerbe. Dort würde weiterhin rund jeder zweite Betrieb zusätzlich qualifizierte Fachkräfte einstellen, wenn diese verfügbar wären.

Gute Rahmenbedingungen sind jetzt entscheidend

Die Robustheit der Zürcher Wirtschaft ist keine staatliche Selbstverständlichkeit. Sie ist vor allem das Ergebnis leistungsfähiger Unternehmen, engagierter Mitarbeitender, einer vielfältigen Wirtschaftsstruktur und einer hohen Anpassungsfähigkeit.

Die Aufgabe der Politik besteht deshalb nicht darin, den Unternehmen immer neue Vorschriften und Kosten aufzuerlegen. Sie muss verlässliche Rahmenbedingungen schaffen:

  • konkurrenzfähige Steuern,

  • gesunde und nachhaltige Staatsfinanzen,

  • weniger Bürokratie,

  • eine zuverlässige Infrastruktur,

  • genügend gut ausgebildete Fachkräfte,

  • schnelle und verlässliche Bewilligungsverfahren.

Gerade in wirtschaftlich unsicheren Zeiten braucht es einen handlungsfähigen, aber gleichzeitig schlanken Staat. Neue dauerhafte Ausgaben dürfen nicht allein mit einer momentan robusten Wirtschaft oder vorübergehend hohen Steuereinnahmen begründet werden. Was heute beschlossen wird, muss auch in wirtschaftlich schwierigeren Jahren finanzierbar bleiben.

Mein Fazit

Die aktuellen Prognosen sind eine gute Nachricht: Der Wirtschaftsstandort Zürich verfügt über ein starkes Fundament und kann internationale Belastungen bisher vergleichsweise gut abfedern.

Doch Robustheit darf nicht mit Unverwundbarkeit verwechselt werden. Das bereinigte Wirtschaftswachstum bleibt mit rund einem Prozent bescheiden, der Arbeitsmarkt entwickelt sich verhalten und einzelne Branchen stehen deutlich unter Druck.

Als Unternehmer und Mitglied der Finanzkommission ist für mich klar: Wir müssen der Zürcher Wirtschaft Sorge tragen. Dazu gehören wettbewerbsfähige Steuern, weniger Regulierung und ein Staat, der mit den vorhandenen Mitteln verantwortungsvoll umgeht.

Nur so sichern wir langfristig Arbeitsplätze, Wohlstand und den finanzpolitischen Handlungsspielraum unseres Kantons.

 
 
 

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